Jedes Jahr findet Indiens Holi-Fest am ersten Vollmond des indischen Monats Phalguna statt: das ausgelassenste und farbenprächtigste Fest des gesamten Kontinents. Dieses Jahr fällt es auf den 3. März des gregorianischen Kalenders. Zwei Tage lang herrscht fröhlicher Ausnahmezustand, und die Straßen sind in leuchtendes Farbpulver getaucht. Werfen wir einen genaueren Blick auf Holi sowie den indischen Transport- und Logistiksektor im Allgemeinen…
Zwei Tage die Weltordnung außer Kraft gesetzt
Der Tradition nach erinnert das hinduistische Holi-Fest an den Sieg des Guten über das Böse, überliefert durch die Zerstörung einer Dämonin namens Holika mit Hilfe des hinduistischen Schutzgottes Vishnu, der im Übrigen die Dorfmädchen gerne mit Wasser und Farben berauschte.
Wenngleich es noch zahlreiche andere Mythen über die Entstehung dieses Festes gibt – eines ändert sich nie: Holi bedeutet seit Jahrhunderten absolute Ausgelassenheit, Grenzüberschreitung, das Außerkraftsetzen des rigiden Kastenwesens und damit der damit verbundenen hinduistischen Weltordnung – für zumindest zwei Tage im Jahr. Geschlecht, Alter und Stand spielen in diesem Zeitraum keine Rolle. Alle Inder:innen sind eins. Alles ist erlaubt. Alles ist möglich. Fast ein wenig wie Fasching oder Karneval.
Bei der größten Straßenparty der Welt feiern Menschen ausgelassen mit Tanz und Musik, reiben sich mit „Gulal“, dem berühmten bunten Farbpulver, ein und schütten zudem bunt gefärbtes Wasser eimerweise von ihren Balkonen oder auf feiernde Menschenmengen.
Bunt und farbenprächtig mit einer dunklen Seite
Genauso bunt wie sich das indische Frühlingsfest zeigt, so zahlreich sind die Namen auf dem vielseitigen indischen Subkontinent dafür. Denn mit dem im Westen gängigen Titel „Holi“ wird das Fest hauptsächlich nur in Nordindien und Nepal bezeichnet, in anderen Landesteilen ist es unter anderen Namen bekannt. Doch unabhängig vom Namen gilt es allerorts als der farbenprächtigste Höhepunkt des Jahres.
Was sich nach unglaublich viel Spaß anhört und wunderschöne Bilder erzeugt, zeigt seit einigen Jahren zunehmend aber auch seine unschönen Seiten. Farben, die nicht mehr wie früher aus rein natürlichen, zumeist pflanzlichen Bestandteilen, sondern synthetisch hergestellt werden, bringen Gesundheitsrisiken wie Hautreizungen und Asthmaanfälle mit sich. Zudem geraten im bunten Treiben vor allem Frauen oftmals in Bedrängnis, was mittlerweile zu eindringlichen Sicherheitswarnungen oder vereinzelt zu Ausgangssperren führt.
Zwischen Tradition und Moderne – auch beim Verkehr
Indiens Infrastruktur beruht im Wesentlichen noch auf den Errungenschaften der Kolonialzeit. Zwar hat sich in den letzten 20 Jahren vieles verbessert, der Nachholbedarf bleibt jedoch weiterhin groß. Eine Reise durch Indien bedeutet, ein Land im Wandel zu erleben, dessen Traditionen durch die schiere Größe und Dynamik der bevölkerungsreichsten Nation der Welt stetig neu geformt werden. Bezeichnend: Im Infrastruktur-Ranking des Weltwirtschaftsforums belegt der Subkontinent derzeit Platz 51 (Stand: 2025), verbessert sich aber kontinuierlich.
Angesichts der Tatsache, dass es sich um die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft Asiens handelt, die rasante Urbanisierung weiter zunimmt und die Bevölkerung bis 2060 voraussichtlich auf 1,7 Milliarden Menschen anwachsen wird, ist ein Wandel dringend notwendig. Mit einem BIP-Wachstum von 6,5 % ist Indien das am schnellsten wachsende G20-Land, und das kürzlich unterzeichnete Handelsabkommen mit der EU wird beide Volkswirtschaften zusätzlich beflügeln.
Die indische Regierung ist sich der Komplexität dieser Entwicklung bewusst und initiiert umfangreiche Infrastrukturprojekte. Die Herausforderung ist gewaltig, das Potenzial jedoch ebenso enorm. Kein Wunder also, dass Marktexpert:innen dem indischen Logistikmarkt ein starkes Wachstum prognostizieren. Laut einem Bericht von Armstrong & Associates wird der Logistikmarkt bis 2026 voraussichtlich ein Volumen von fast 650 Milliarden US-Dollar erreichen.
Gigantisches Land mit gigantischem Verkehrsnetz
Landesweit gesehen ist die Warenbeförderung über Schiene-, Straße-, Luft- oder Seeverkehr noch wenig effizient. Orte im Hinterland können nur schwerlich und mit hohen Kosten erreicht werden. Trotzdem verfügt Indien mit 6,3 Mio. Kilometern nach den USA über das zweitgrößte Straßennetz. Allerdings: Die meisten Straßen sind nicht asphaltiert, die Unfallzahlen bedauerlicherweise extrem hoch. Auf der Agenda der Regierung stehen deshalb nicht nur neue Straßen, sondern auch mehr moderne Verkehrsleitsysteme, Videoüberwachung sowie elektronische Mautsysteme.
Das staatliche Bahnunternehmen Indian Railways (IR) betreibt das weltweit viertgrößte Schienennetz mit circa 109.000 Kilometern Länge und wickelt den Großteil des nationalen Bahnverkehrs ab. Mit einem jährlichen Frachtaufkommen von über 1,6 Milliarden (2024/2025) Tonnen überflügelt man ohne weiteres die USA und Russland. Das Unternehmen bewegt täglich rund 7.000 Güterzüge, die jährlich über 1,4 Milliarden Tonnen Fracht befördern. Zuletzt hat man Strecken mit Meter- und Schmalspurschienen vermeht auf das lokal gängige Breitspursystem umgestellt, um die Effizienz des nationalen Eisenbahnnetzes zu verbessern.
Reserviert für... Fracht!
Eine Besonderheit im indischen Bahnverkehr sind die „Dedicated Freight Corridors“ (DFC), welche die bestehenden Strecken entlasten sollen. Seit Herbst 2018 sind die ersten Abschnitte dem Verkehr übergeben worden. Der Westkorridor entlastet die Strecke Mumbai–Delhi und führt vom Jawaharlal Nehru Port nach Dadri, das 35 km westlich vom Stadtzentrum von Delhi im Bundesstaat Uttar Pradesh liegt. Der Ostkorridor führt von Ludhiana im nördlichen Teilstaat Punjab über Dadri nach Dankuni bei Kolkata. Gemeinsam zählen die Korridore derzeit 2.800 Kilometer. Beide Strecken sind selbstverständlich komplett elektrifiziert, ermöglichen eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 70 km/h und werden mit Doppelstock-Containerzügen befahren. Zusätzlich sollen entlang der Korridore neue Industrie- und Logistikzentren entstehen. Die ersten Erfolge des Konzepts stellen sich bereits ein und so verwundert es nicht, dass derzeit signifikante Erweiterungen geplant sind, die das Land zusätzlich überziehen werden.
Im Wasser und in der Luft
Unzureichende Infrastruktur verhindert, dass das volle Potenzial der Binnenschifffahrt ausgeschöpft wird – trotz der beeindruckenden 14.500 km schiffbarer Wasserstraßen des Landes. Wasserstand und Durchflussmenge sind selten konstant und können aufgrund des Monsuns erhebliche Probleme verursachen. Doch auch hier setzt bereits ein Umdenken ein und es gibt Bestrebungen, die Wasserkraft der großen Flüsse wie Ganges und Brahmaputra zu nutzen. Vor einigen Jahren erlebte die indische Transportbranche ihren ersten Containertransport auf einem Fluss, und Hafenanlagen wurden vielerorts modernisiert. Die Binnenschifffahrt etabliert sich zunehmend: Das Frachtaufkommen auf den Wasserstraßen ist von 30 Millionen Tonnen im Jahr 2014 auf über 145 Millionen Tonnen im Jahr 2024 gestiegen.
Dafür stoßen die Airports der großen Metropolen unübersehbar an ihre Kapazitätsgrenzen. Indien ist ein Markt mit großem Potenzial für die Luftfahrtindustrie. Allein das Inlandsflugaufkommen steigt stetig, was auch die Nachfrage nach der dazugehörigen Infrastruktur erhöhen wird. Der Luftfrachtsektor ist ebenso vielversprechend und wird 2025 ein Volumen von 14,2 Milliarden US-Dollar erreichen. Indische Flughäfen schlugen insgesamt 3,71 Millionen Tonnen Fracht um, ein Plus von 10 % gegenüber dem Vorjahr. Der internationale Frachtverkehr verzeichnete einen deutlichen Anstieg von 14 % auf 2,32 Millionen Tonnen, während der Inlandsfrachtverkehr um 6 % auf 1,39 Millionen Tonnen zunahm.
Indiens hohe Logistikkosten stellen ebenfalls eine Hürde dar, die die Regierung jedoch entschlossen überwinden will. Dies soll nicht nur durch intensive Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur, sondern auch durch den Abbau bürokratischen Aufwands erreicht werden. Die Verwaltung eines Landes mit 29 Bundesstaaten und 21 Amtssprachen ist nun mal ein gewaltiger Aufwand aber über kurz oder lang unumgänglich. In gewisser Weise spiegelt dies auch den Geist von Holi wider – die Suche nach einer gemeinsamen Identität inmitten von Vielfalt. So wie das Fest alle vereint, ist das Ziel dieser ambitionierten Projekte, jeden Winkel des Landes zu verbinden und eine moderne Infrastruktur zu schaffen, die der lebendigen Kultur seiner Einwohner:innen gerecht wird.
Das EU-Indien Handelsabkommen:
Das neue Handelsabkommen zwischen der EU und Indien eröffnet Unternehmen in Mittel- und Osteuropa im Automobil- und Industriesektor neue Wachstumschancen. Ein zentraler Bestandteil ist die Abschaffung der BIS-Zertifizierungspflicht für Maschinen, wodurch Kosten deutlich gesenkt und der Markteintritt beschleunigt werden.
Dieses neue Handelsumfeld bietet Ihnen die ideale Gelegenheit, Ihre Lieferkette zu optimieren. Unsere cargo-partner Teams in Indien und Europa bieten Ihnen umfassende, multimodale Lösungen, mit denen Sie diese Entwicklung optimal nutzen können.